Unsere Arbeit

Die Schule als „Aneignungsraum“ aus Sicht der Kinder

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Von: Prof. Dr. Ulrich Deinet

Prof. Ulrich Deinet von der Hochschule Düsseldorf hat auf der Grundlage des Aneignungskonzepts untersucht, wie sich Schule als „Aneignungsraum“ aus Sicht der Kinder darstellt und welche Konsequenzen sich daraus für die Gestaltung der Ganztagsschule ergeben.

Auf der Grundlage des Aneignungskonzepts, in dem Entwicklung als tätige Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt verstanden wird, geht es um die Frage, welche Aneignungsmöglichkeiten der Lebensort Schule aber auch außerschulische Räume im Rahmen der Offenen Ganztagsschule für Kinder bietet und wie solche Aneignungsmöglichkeiten gefördert werden können.

Mit einem aneignungsorientierten Blick auf die Lebenswelten von Kindern kann gleichzeitig auch der Lebensort Schule selbst anders gesehen werden. In dieser Perspektive werden auch Schul-Räume als Teile sozialer Lebenswelten verstanden, die sich durch die individuellen Aneignungsprozesse von Kindern erschließen. Schulen sind dabei wesentliche Bestandteile öffentlicher Räume und ihre Bedeutung geht dabei weit über den Unterricht hinaus. Schulen sind auch Treffpunkte von Cliquen und Orte des informellen Lernens. Der Ort Schule bestimmt dabei durch seine architektonischen und strukturellen Gegebenheiten, in welchem Umfang informelle Bildungsprozesse und Aneignungsprozesse möglich sind.

 

„Learning by doing“ – Entwicklung und Bildung durch tätige Aneignung

Im Konzept der sozialräumlichen Aneignung, welches auf die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie zurück zu führen ist, wird die Entwicklung des Menschen als tätige Auseinandersetzung mit seiner Umwelt begriffen, die vordergründig in den Orten des informellen Lernens erfolgt. Demnach vollzieht sich Entwicklung der Heranwachsenden in der eigentätigen Auseinandersetzung mit der Umwelt durch die Aneignung der gegenständlichen und symbolischen Kultur.

Ohne hier vertieft auf das Aneignungskonzept/Activity Theory eingehen zu können, sollen im Folgenden einige wichtige Operationalisierungen dieses Konzepts benannt werden, die auch den flexiblen Raumbegriff (s.u.) aufnehmen.

 

„Raumaneignung“ kann verstanden werden als:

Aneignung als Erweiterung motorischer Fähigkeiten

Aneignung kann als Erweiterung motorischer Fähigkeiten als erste Aneignungsdimension betrachtet werden. Sie ist auf den Umgang mit Gegenständen, Werkzeugen, Materialien und Medien zurückzuführen, die Bestandteile der gegenständlichen und symbolischen Kultur sind, und von Heranwachsenden über Tätigkeiten erschlossen werden müssen. Indikatoren für die Erweiterung motorischer Fähigkeiten werden u.a. in der wiederholten Erprobung erweiterter Fähigkeiten in neuen Situationen gesehen. Mit dieser Bestimmung bezieht sich Aneignung als Erweiterung motorischer Fähigkeiten nur auf – hinsichtlich des Erwerbs von Kompetenzen - relativ folgenreiche Angebotssituationen. Es geht um konkrete Aneignungssituationen, in denen es tatsächlich gelingt, zuvor erworbene motorische und mediale Fähigkeiten zu erweitern.

Kinder lieben Abenteuerspielplätze

Das Foto zeigt eine typische Situation auf einem Abenteuerspielplatz: Eine Gruppe aus einer Ganztagsschule besucht den Abenteuerspielplatz regelmäßig am Nachmittag. Der Abenteuerspielplatz wird so zum außerschulischen Lernort, der im Rahmen der Gestaltung der OGS in NRW als Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zum Bildungspartner wird.

Deshalb spielt der Aspekt der Erweiterung motorischer Fähigkeiten, der im Aneignungskonzept immer wieder betont wird, hier eine sehr konkrete Rolle. Die Koordination der Bewegungen, die Motorik sind auch nach der Auffassung der modernen Hirnforschung wichtige Grundlagen für die Entwicklung höherer geistiger Fähigkeiten, so wie dies im klassischen Aneignungskonzept auch schon formuliert wurde.

 

Wie können Aneignungsprozesse gefördert werden?

Architektur, Räume, Settings: Um die oben skizzierte Aneignungstätigkeit im Zusammenhang mit Gegenständen, Werkzeugen, der tätigen Auseinandersetzung mit der Umwelt von Kindern im Rahmen der Ganztagsschule zu fördern geht es vor allen Dingen darum, Räume  und Settings zu schaffen, in denen eine solche Tätigkeit ermöglicht und gefördert wird. Für die Schularchitektur bedeutet dies, Räume zu schaffen, in denen spezifischen gegenständlichen Tätigkeiten nachgegangen werden kann und die einen entsprechenden Aufforderungscharakter besitzen, z. B. auch durch ihre Ausstattung als Werkräume, Bastelräume, Räume mit flexiblen Nutzungsmöglichkeiten etc.

Die Aneignung motorischer Fähigkeiten geht aber über Basteln und Werken weit hinaus und bezieht sich sowohl auf mediale, kulturelle, als auch sportliche und körperbetonte Aktivitäten von Kindern, die in jeder Form zu fördern sind. Räume und Material müssen einen Aufforderungscharakter besitzen und Kinder anregen, sich mit Dingen auseinander zu setzen und neue Erfahrungen zu machen.

 

Aneignung als Spacing

Spacing, also das eigentätige Schaffen von Räumen, ist nicht nur eine erweiterte Form der Aneignung, sondern ermöglicht es ebenso „Rückzugsräume“ zu schaffen, Kinder verschaffen sich durch solche Umnutzungen eigene Räume wie z. B. die „Beton-Versteck-Ecke“ auf der mittleren Ebene einer Ganztagsschule, die von den Kindern als Versteck genutzt wird:

Kinder schaffen sich ihre eigenen Rückzugsräume

Solche Situationsveränderungen als Umnutzungen finden sich in vielen Bereichen von Ganztagsschulen und werden für die Erwachsenen häufig erst durch die Beschreibung der Kinder zugänglich. Mit der Methode der subjektiven Schulkarten werden solche Orte vielfach sichtbar und könnten somit auch in die Gestaltung des Ortes Schule als Lebensort einbezogen werden. Spacing als eigentätige Veränderung von vorgefundenen Situationen stellt damit eine weitere wichtige Aneignungstätigkeit von Kindern dar.

 

Wie können Aneignungsprozesse gefördert werden?

Architektur, Räume, Settings: Die Schularchitektur sollte sich viel stärker als bisher mit dem Vorhandensein eines flexiblen Raumbegriffes auseinandersetzen: Die Auffassung, dass an einem Ort mehrere Räume durch Handlungen entstehen können, bedeutet für die Praxis einer Ganztagsschule Raumbildungen der Kinder zu ermöglichen, ihnen dafür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen (wie z. B. Rückzugsräume, flexible Raumgestaltungsmöglichkeiten etc.) und entsprechende Settings zu gestalten. Die von den Kindern ausgehende Raumbildung („Spacing“) sollte nicht als Störung sondern als eigentätiges Aneignungsverhalten der Kinder interpretiert werden. Wie unsere Studie zeigt, versuchen die Kinder in kleinen Schritten Veränderungen vorzunehmen, die zum Teil für die Erwachsenen kaum sichtbar sind, den Kindern aber neue Spiel- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Solche Prozesse können auch durch entsprechende architektonische und räumliche Voraussetzungen gefördert werden.

 

Aneignung als Erweiterung des Handlungsraumes

Gerade im Vergleich zur Kindheit in früheren Generationen ist die Pädagogisierung und Verhäuslichung von Kindheit so wie sie heute weitgehend Platz gegriffen hat, keine Grundlage für die an sich in der Entwicklungsphase notwendige Erweiterung des Handlungsraumes. Wie sehr die Kinder eine solche Erweiterung wünschen, wird in vielen Beispielen deutlich:

 

Einige Zitate und Kommentare aus den Gruppeninterviews im Rahmen unserer Studie:

Vielfach wird darüber erzählt, dass es schön sei, mit Geschwistern/Freunden zusammen zu gehen und ohne die Eltern unterwegs zu sein. Auf die Frage, wie sie zur Schule kämen berichtet ein Mädchen stolz: „Ganz alleine.“

Gerade dieser Aspekt der Eigenständigkeit tritt - neben dem oben genannten „gemeinsam gehen“ - häufig in den Erzählungen auf. Ein Mädchen sagt: „Ich kann eigentlich allein von zu Hause gehen. (…) Das habe ich noch nie gemacht. Ich möchte allein gehen und kann von hier nach Hause allein gehen – echt!“

 

Seitens der Kinder bestehen Wünsche für den Ausbau von Ausflügen und Unternehmungen außerhalb der Schule. Ein Junge sagt:

„Ich finde, wir könnten mal auf den Abenteuerspielplatz fahren.“

Ein Mädchen wünscht sich: „(…) immer wenn es schönes Wetter ist, könnten wir in jeder Pause zum Uhlenberger Spielplatz gehen.“ Quelle: Deinet et.al 2018, S.

 

Wie können Aneignungsprozesse gefördert werden?

Architektur, Räume, Settings: Die Darstellung des Aneignungskonzeptes und der insbesondere sozialökologischen Entwicklungstheorien zeigt die wichtige Entwicklungsdimension der Erweiterung des Handlungsraumes für Grundschulkinder. Schon Martha Muchow beschrieb in ihrer Untersuchung aus den 30er Jahren die Erweiterung des Spiel- und Streifraums und prägte diese Begriffe (s.o.). Räume und Settings zu schaffen, die eine Erweiterung des Handlungsraumes von Kindern fördern, bedeutet auch, wegzukommen von einer sehr verbreiteten Schulstandortorientierung, bei der es oft darum geht, möglichst alle Veranstaltungen und Projekte einer Ganztagsschule am Ort der Schule selbst zu organisieren. Auch wenn dies aus organisatorischen Gründen oft einfacher erscheint, zeigen die Ergebnisse unserer Studie, wie wichtig die Nutzung außerschulischer Orte und Räume ist, denn sie stellt eine Erweiterung des Handlungsraumes der Kinder dar. Räume und Settings müssen entsprechend gestaltet werden oder das regelmäßige Aufsuchen öffentlicher Spiel- und Freiräume mit den Kindern wie z. B. die Besucher eines Abenteuerspielplatzes (s. o.).

 

Resümee

Diese Aspekte beschreiben sehr umfassend eine „aneignungsorientierte“ Gestaltung von Schule als Lebensort. Auch unsere Ergebnisse zeigen, dass das Erleben der „Räume“ für die Kinder ein wichtiges Kriterium für ihr Wohlbefinden in der Schule ist. Die „aneignungsorientierte“ Gestaltung der OGS wäre ein wichtiger Schritt darin, die zunehmende  Verhäuslichung von Kindheit mit ihren Folgen zumindest ein Stück weit zu korrigieren und die dargestellten Entwicklungsaufgaben der Kinder dieser Altersstufe zu ermöglichen und zu befördern.

Zum kindlichen Leben gehören Spiel- und Rückzugsräume im Gebäude ebenso wie gute Außenräume, Natur und freies Spiel. Diese Anforderung steht häufig im Gegensatz zur Realität von Klassenräumen, die aufgrund fehlender Räumlichkeiten vielfach auch am Nachmittag von den OGS-Gruppen genutzt werden müssen. Insbesondere für die befragte Altersstufe spielen insbesondere Sport und Bewegung eine wichtige Rolle. Bewegungsräume sollten daher sowohl draußen als auch drinnen (gerade für eine Alternativnutzung bei schlechtem Wetter) geschaffen werden, um die kindliche Entwicklung zu unterstützen.

Der Autor Ulrich Deinet ist Professor für Didaktik und Methodik der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf. Sein Beitrag ist eine Kurzfassung aus: Ulrich Deinet, Heike Gumz, Christina Muscutt & Sophie Thomas: Offene Ganztagsschule - Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Opladen: Budrich 2018.

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