Wohnungsnotfallhilfe

Wohnungsnotfallhilfe

Fachtag zum Thema Wohnungsnotfallhilfe

Bezirksverband Potsdam: Um Ideen zur Überwindung von Wohnungslosigkeit bis 2030 ging es beim bundesweiten Fachtag am 28. Juni 2022.

Foto: Bundesbauministerin Klara Geywitz, SPD (mit Halskette) neben Potsdams AWO-Vorstandsvorsitzender Angela Schweers
 

Wohnungslos – ein Schicksal?

Wohnungslosigkeit ist kein Schicksal. Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihr Zuhause verlieren. So ist der Wohnungsmarkt in Deutschland seit Jahren angespannt, ebenso geraten ganze Familien mit Kindern in finanzielle Nöte, die aktuell hohen Energiepreise und die hohe Inflation verschlimmern die Situation für viele Menschen mit niedrigem Einkommen zusätzlich. Auch Gesundheitsprobleme sowie Trennung oder Scheidung zählen zu den Ursachen, warum Menschen wohnungslos werden.

Unter dem Motto „Wohnungslos – ein Schicksal?“ veranstaltete der AWO Bezirksverband Potsdam mit Unterstützung der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) am 28. Juni 2022 einen bundesweiten Fachtag zum Thema Wohnungsnotfallhilfe. Mehr als 80 Gäste waren in den Tagungssaal der ILB nach Potsdam gekommen, darunter auch Vertreter*innen des Vereins Selbstvertretung der Wohnungslosen e.V., des Vereins Hartz IV Betroffene e.V. und der Wohnungslosenstiftung.

In Deutschland und anderen Ländern wird die Schuld für die Lebenssituation schnell bei den Betroffenen selbst gesucht. In unserer Arbeit in der Wohnungsnotfallhilfe haben wir allerdings die Erfahrung gemacht, dass viele der wohnungslosen Menschen an ähnlichen Strukturen gescheitert sind. Der Fehler liegt daher im System.

Der AWO Bezirksverband Potsdam ist Träger von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und hat eine Vielzahl von Projekten im Kampf gegen die Armut initiiert. So betreiben wir seit Jahren in Potsdam ein Obdachlosenheim und eine Notunterkunft, das Projekt „Junge Wilde“, die Ambulante Wohnhilfe, das Wohnprojekt „Frauenwohnen“ sowie ein Familienhaus für bis zu 16 Familien mit Kindern, die wohnungslos geworden sind. Das Haus ist ständig voll belegt. Wir haben mit unserem Programm „1 plus 9“ neun Forderungen für eine sozial gerechte Gesellschaft entwickelt. Zwei der neun Forderungen lauten: „Sozialen Wohnungsbau fördern“ und „Wohnungslosigkeit verhindern“.

Wohnungslosigkeit bis 2030 überwinden

Eröffnet wurde der Fachtag von Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD). Erklärtes Ziel der Bundesregierung sei es, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden, kündigte sie an.

Dazu soll ein Nationaler Aktionsplan erarbeitet werden. Weitere Referenten waren Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Butterwegge, die Anthropologin Dr. Luisa Schneider und Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema, Sozialwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter der Gesellschaft für innovative Sozialforschung (GISS) e.V., Bremen. In den Vorträgen wurden zahlreiche Ansätze erläutert, die die Situation von wohnungslosen Menschen dauerhaft verbessern können.

Notunterkünfte – ohne Würde und Privatsphäre

Hartmut Nölling von der Selbstvertretung der Wohnungslosen verwies darauf, dass es ein Recht auf Privatsphäre geben müsse, Notunterkünfte mit vielen Personen in einem Raum seien unzumutbar und menschenunwürdig. Er forderte, dass mit den wohnungslosen Menschen gesprochen werden müsse und nicht nur über sie.

Luisa Schneider, die selbst regelmäßig mit wohnungslos gewordenen Menschen zusammenlebt und die Erfahrungen für ihre Forschung nutzt, stimmte dieser Forderung zu. Notunterkünfte seien zudem meist nach Geschlechtern getrennt, so dass Paare lieber auf der Straße lebten, sagte die aus den Niederlanden per Videokonferenz zugeschaltete Wissenschaftlerin. Auch Haustiere seien dort nicht erlaubt. „Das sind aber meist die einzigen Freunde und Beschützer“. Schneider ergänzte, dass eine Wohnung nicht die Gemeinschaft ersetze.

Viele ehemalige Wohnungslose seien nach dem Einzug plötzlich allein, würden die frühere Gruppe vermissen und häufig zu ihr zurückkehren. Auch werde von Seiten der Kommunen nicht auf Segregation geachtet. Ehemals wohnungslosen Menschen werden oft frei gewordene Wohnung in immer denselben Straßen oder Blöcken angeboten. Als Beispiel nannte sie Leipzig.

Volker Busch-Geertsema sieht in dem Konzept Housing First einen innovativen Ansatz, um wohnungslose Menschen mit komplexen Problemlagen in reguläre Wohnverhältnisse zu bringen. Norwegen habe damit die Zahl der Wohnungslosen deutlich reduzieren können. Derzeit gebe es zwar in vielen deutschen Städten einzelne Projekte, ein flächendeckendes Angebot sei aber noch nicht sichtbar. Wichtig sei die regelmäßige Begleitung und Unterstützung der Menschen durch Besuche und Gespräche in ihren Wohnungen.

Einen breiteren Ansatz wählte Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge, der bis vor wenigen Jahren an der Universität Köln zum Thema Armut und Ungleichheit forschte. Gerade die ungleiche Vermögensverteilung sei ein Grund für die hohe Zahl an wohnungslosen Menschen. Die aus seiner Sicht neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte habe viele der aktuellen gesellschaftlichen und sozialen Probleme verursacht. „Es vertieft sich die Kluft zwischen arm und reich gerade auch durch das, was aktuell im Wohnsektor passiert“, sagte Butterwegge.

Ein Viertel der Wohnungslosen sind Kinder

Dass es sich bei Wohnungslosigkeit nicht um ein gesellschaftliches Randthema handelt, unterstreichen schon die offiziellen Zahlen. Das Erstellen einer Wohnungslosenstatistik ist seit vielen Jahren eine Forderung des AWO Bezirksverband Potsdam e.V.. Seit kurzem gibt es Statistiken, die den wirklichen Bedarf aber nur teilweise aufzeigen, da viele Fälle nicht erfasst werden. Bis jetzt waren diese Daten nicht systematisch erhoben worden. Offiziell haben demnach 614 Potsdamer*innen keine eigene Wohnung. Zwei Drittel davon sind Männer. Ein Viertel sind Kinder und Jugendliche, wie aus der ersten Potsdamer Wohnungslosenstatistik hervorgeht, die Ende April dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Bundesweit verfügen mehr als 400.000 Menschen nicht über ein eigenes Zuhause. Laut der bundesweiten Statistik waren rund 178.000 Personen in vorübergehenden Übernachtungsmöglichkeiten oder in Not- und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht.

Wohnungslosigkeit von Kindern und Jugendlichen ist immer eng verbunden mit der Armut der Eltern. Familien, die SGB II beziehen, erhalten kein Kindergeld, stattdessen wird das Kindergeld mit dem Regelsatz verrechnet. Deshalb spricht sich die Arbeiterwohlfahrt schon seit Jahren für eine Kindergrundsicherung von mindestens 600 Euro monatlich aus.

Abgeschnitten von der digitalen Welt

Miteinander sprechen statt übereinander: Nur wenn wir zuhören, erfahren wir die wirklichen Gründe und Ursachen, warum ein Mensch von Wohnungslosigkeit bedroht ist oder sein Zuhause sogar schon verloren hat. Nur dann können wir auch Fehler im System erkennen und mit dem nötigen gesellschaftlichen Druck Änderungen herbeiführen. Der Fachtag Ende Juni 2022 hat wichtige Erkenntnisse gebracht. Die medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen ist nicht gesichert. Bürokratische Hemmnisse führen dazu, dass Menschen auf der Straße leben müssen, dass Wohnungslosigkeit verwaltet und nicht behoben wird. Der Zugang zu digitalen Informationen ist für viele schlicht unmöglich. Es fehlt am Zugang zu Handys oder Computern, die sicherlich in den kommenden Jahren zunehmende Digitalisierung der Verwaltung und Dienstleistungen schneidet Menschen ohne ein eigenes Zuhause von existentiellen Informationen ab.

Und schließlich sind Notfalleinrichtungen wie Obdachlosenheime häufig menschenunwürdig gestaltet und verstoßen damit gegen Artikel 1 des Grundgesetzes. Allein die Anzahl der Schlafplätze pro Raum in vielen Einrichtungen von 60 oder mehr Betten macht dies deutlich. Unzumutbar. Von Privatsphäre kann hier keine Rede mehr sein.

Ein neues Zuhause

Die rot-grün-gelbe Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag von 2021 dazu bekannt, die Wohnungslosigkeit in Deutschland bis 2030 abzuschaffen. Dazu soll ein Aktionsplan erstellt werden.

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hat dieses Vorhaben auf dem Fachtag Wohnungsnotfallhilfe in Potsdam noch einmal bekräftigt. Der AWO Bezirksverband Potsdam e.V. begrüßt dieses Ziel in der Hoffnung, dass es möglichst schnell umgesetzt werden kann. Interessante Ansätze für eine Verbesserung der Situation wohnungsloser Menschen sind für den AWO Bezirksverband Potsdam e.V. vor allem die Bereitstellung von Handys oder Computern, etwa in den Einrichtungen des Bezirksverbandes. Auch der genossenschaftliche Wohnungsbau durch die Freie Wohlfahrtspflege ist eine Möglichkeit, um den Menschen ein neues Zuhause zu bieten und zugleich die soziale und psychologische Begleitung zu gewährleisten.

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