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28.09.2020 | Artikel

Frauen fördern, um Armut zu bekämpfen

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Von: Charlotte Schwarz

Geschlechtergerechtigkeit ist eines der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung. Wie sich AWO International weltweit dafür einsetzt – jetzt im #WirArbeitenDran-Blog.

AWO International engagiert sich weltweit für Geschlechtergerechtigkeit

Geschlechtergerechtigkeit bedeutet gleiche Sichtbarkeit, Partizipation und Stärkung beider Geschlechter in allen Aspekten des öffentlichen und privaten Lebens. Geschlechtergerechtigkeit ist ein Menschenrecht, für das sich AWO International in allen vier Projektregionen erfolgreich einsetzt.

Die Hälfte der Menschheit ist weiblich. Doch in vielen Bereichen des Lebens ist es weltweit kein Vergnügen, eine Frau zu sein: Die Ungleichheit der Geschlechter ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Formen der Ungleichheit in der Welt. Sie verweigert den Frauen ihre Stimme, entwertet ihre Arbeit und macht die Stellung der Frau ungleich zu der Stellung der Männer – vom Haushalt bis zur nationalen und globalen Ebene. „Keine*r von uns wird in ihrem/seinem Leben Geschlechterparität sehen, und wahrscheinlich werden es auch viele unserer Kinder nicht erleben“, so das Ergebnis des Global Gender Gap Reports 2020, der jährlich vom Weltwirtschaftsforum veröffentlicht wird und 153 Länder hinsichtlich ihrer Fortschritte auf dem Weg zur Geschlechterparität vergleicht. Insgesamt werde es bei der aktuellen Geschwindigkeit danach noch etwa ein Jahrhundert dauern, bis die Gleichberechtigung weltweit abgeschlossen ist, so das WEF. Darüber hinaus stellt die soziale, rechtliche und wirtschaftliche Gleichstellung von inter- und transidenten Menschen weltweit eine große Herausforderung dar.

Armut ist weiblich

Mehr als 760 Millionen Menschen weltweit leben in extremer Armut, also – laut der Definition der Weltbank – von weniger als 1,90 US Dollar am Tag. Von diesen 760 Millionen Menschen in Armut bilden Frauen die Mehrheit. Daraus resultiert, dass Frauen einen höheren Anteil unter denjenigen stellen, denen die Möglichkeit, Lesen und Schreiben zu lernen, nicht gewährt wurde. Jedes Jahr sterben fast 300.000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt und weltweit besuchen 34 Millionen Mädchen im Grundschulalter nicht die Schule. Denn ein Leben in extremer Armut bedeutet Hunger und die verwehrte Chance auf Bildung, Zugang zu Medikamenten und Wohnraum sowie politische, gesellschaftliche und soziale Teilhabe.

Dabei wird nach aktuellen Schätzungen weltweit zwischen 30 und 75 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit von Frauen geleistet. In vielen Ländern verbietet traditionelles Recht jedoch, dass sie das Land, auf dem sie arbeiten, selbst besitzen dürfen. Häufig erhalten Frauen zudem keinen Zugang zu Krediten, technischer Unterstützung oder Informationen. Sie leisten demnach oft die Hauptarbeit, haben aber wenig Rechte. Corona verstärkt diese Ungleichheiten. Denn wie eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (2019) in 104 Ländern belegt, stellen Frauen 70 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich dar. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich ist Pflegearbeit Frauensache. Sie wird jedoch schlecht beziehungsweise gar nicht bezahlt. Auch häusliche Gewalt hat unter Corona stark zugenommen: So wichtig lockdowns für die allgemeine Gesundheit waren, so sehr bildeten sie auch eine große Gefahr für viele Frauen und Kinder, die wochen- oder monatelang mit misshandelnden Partnern eingesperrt waren. In einer Zeit, in der parallel Frauenhäuser oder Hilfsorganisationen gezwungen waren, ihre Unterstützung zu unterbrechen.  

Wir arbeiten dran!

Als Fachverband der Arbeiterwohlfahrt vertreten wir die Grundwerte der AWO in all unseren Projekten und Projektregionen. Seit Beginn unserer Arbeit engagieren wir uns für die Förderung von Frauenrechten und die Erreichung der Geschlechtergleichheit.

AWO International klärt Frauen in einem Wokshop zu den Risiken der Migration auf_Foto_AWO International_Mittelamerika.JPG

AWO International klärt Frauen in einem Wokshop zu den Risiken der Migration auf.

Dies spiegelt sich beispielsweise in unserem Projekt zum Thema sichere Migration in Mittelamerika wider: Täglich begeben sich Menschen aus Zentralamerika und Mexiko auf den Weg in die USA. Sie fliehen vor organisierter Kriminalität, Armut und fehlenden Perspektiven. Seit 2015 setzen wir uns gezielt für eine sichere Migration ein und erarbeiten lokale Projekte, um vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen Bleibeperspektiven aufzuzeigen. Vor allem Frauen müssen über die Risiken und Gefahren aufgeklärt werden, denn Statistiken zufolge erfährt eine von drei Frauen auf ihrer Migrationsroute sexuelle Gewalt – die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Aus diesem Grund unterstützen wir ein Netzwerk aus Familien, die Migrant*innen auf der Flucht in ihre Häuser aufnehmen und ihnen neben einer Unterkunft auch Verpflegung, medizinische Versorgung und psychosoziale Betreuung anbieten. Frauen werden zudem mit weiblichen Hygieneartikeln versorgt und erhalten die Möglichkeit auf eine Verhütungsspritze, um sich vor ungewollten Schwangerschaften durch Vergewaltigung zu schützen.

In Südostasien, auf der indonesischen Insel Lombok, setzen wir auf Selbsthilfegruppen für und von Frauen. Denn im August 2018 erschütterten schwere Erdbeben die Insel, kosteten mehr als 500 Leben und zerstörten die Wohnhäuser von über 400.000 Menschen. Viele verloren ihre Arbeit und rutschten in die Armut ab. Um Frauen und deren Familien zu unterstützen, bieten wir Workshops zum Thema „Existenzgründung“ an und verteilen Startkapital. So können die Frauen ihr eigenes kleines Geschäft gründen – beispielsweise  Kleidung und Accessoires herstellen, Tofu produzieren oder kleine Läden betreiben. Damit können sie nicht nur sich und ihre Familien ernähren, sondern gewinnen auch an Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Die Frauen organisieren sich in Spar und Kreditvereinen_Foto_ AWO International_Uganda.JPG

Die Frauen organisieren sich in Spar und Kreditvereinen

In Uganda hingegen fördern wir Frauen, indem wir beispielsweise im Geflüchtetenlager Bidibidi –  Afrikas größtem Flüchtlingslager – Geflüchteten helfen, sich in Bauerngruppen zu organisieren. Wir verteilen nicht nur Saatgut und landwirtschaftliches Werkzeug, sondern unterstützen auch bei der Gründung von Spar- und Kreditvereinen. So erhalten vor allem die Frauen ein höheres Ansehen in der Gemeinde und lernen, ihre eigenen Erträge nachhaltig anzulegen und damit zu wirtschaften.

Sanchita Kunwar arbeitet nun erfolgreich als Schneiderin und verdient in Nepal ihr eigenes Geld_Foto_AWO International_Südasien.JPG

Sanchita Kunwar arbeitet nun erfolgreich als Schneiderin und verdient in Nepal ihr eigenes Geld.

In Südasien engagieren wir uns ebenfalls in der Stärkung von Frauen und Familien. In Nepal beispielsweise bilden wir Frauen in einem Entrepreneurship Development Training aus, damit sie sich eigenständig Geld verdienen können und dadurch nicht gezwungen sind, als Arbeitsmigrantinnen ins Ausland zu fliehen. Eine der Teilnehmerinnen ist die 27-jährige Sanchita aus Jhor, nahe Kathmandu. Durch unser Programm erhielt sie eine eigene Nähmaschine und lernte in einer weiteren sechsmonatigen Ausbildung alles zum Thema Schneidern. Das Geschäft läuft gut – mit einem Einkommen von 10.000 Nepalesischen Rupien im Monat hat Sanchita nun Zuversicht und mehr Selbstbewusstsein geschöpft. „Ich bin nicht mehr von dem Einkommen meines Mannes abhängig“, erzählt sie stolz. So konnte Sanchita ganz ohne Auslandsaufenthalt in ihrer Heimat Nepal Fuß fassen und zum Wohl der Familie beitragen.

Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schätzt, dass die Zahl der unterernährten Menschen um 100 bis 150 Millionen reduziert werden könnte, wenn im Agrarsektor die Ungleichheit der Geschlechter beseitigt würde. Der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit hilft demnach nicht nur Mädchen und Frauen, sondern uns allen. Deshalb werden wir weiter daran arbeiten, auch in der internationalen Entwicklungshilfe sowie in unseren humanitären Hilfsprojekten Frauen speziell zu schützen, zu fördern und zu integrieren.

Übrigens: Im November erscheint unser weitblick, der sich dem Thema „Globale Geschlechtergerechtigkeit“ widmet. Gerne schicken wir Ihnen ein Exemplar kostenfrei zu: kommunikation@awointernational.de

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